2016-12-20

JAHRESRÜCKBLICK 2016

Januar

Ein neues Jahr, neu durchstarten, neu ordnen, neu wünschen, neu neu.
Das Jahr startet mit einer Nachricht, die meinen politischen Aktivismus in diesem Jahr prägen wird. Hunderte sexualisierte Übergriffe während der Silvesternacht – und das nicht nur in Köln – die unentschuldbar und absolut ekelhaft sind. Eine überforderte Polizei, ein aufgebrachtes Deutschland, zu viel Öffentlichkeit für unangebrachte Meinungen. Die plötzliche Erkenntnis bei manchen, dass Frauen in diesem Land nicht sicher sind und es noch nie waren. Und dass das Gesetz genau diese Taten nicht deckt. Das immer wieder müde machende Wiederholen von Grundsätzen, davon, dass sexualisierte Gewalt nicht nur thematisiert werden darf, wenn es rassistischen Ressentiments dient. Dass das Gesetz jede Form von Übergriffigkeit endlich schützen muss und ein Nein immer ein Nein ist.

Mit dem Hashtag #ausnahmlos gewinnen wir den Clara-Zetkin-Preis für politische Intervention. Der Erkenntnisgewinn in Medien und Politik bleibt aus. Im Gegenteil.

In Istanbul die erste berühmte Bombe des Jahres und die Befürchtung, dass das nicht gut ausgehen wird. Nicht wissen, wohin mit sich und all den Gedanken.

Ein Sortieren.

Snape stirbt. Dieses Mal in echt.

Februar

Meine Jugendliebe gewinnt endlich den langersehnten Oscar. Für einen Film, für den er ihn am wenigsten verdient hat. Ich würde ihn trotzdem gerne anrufen, aber leider habe ich seine aktuelle Nummer nicht.

Ich lese in einer Wohnung im Ihmezentrum und denke danach, dass eigentlich jeden Tag irgendjemand in einer Wohnung im Ihmezentrum lesen sollte. Also Vorlesen, für andere. Weil das Ihmezentrum in Wirklichkeit genau dafür gemacht ist.

An Rosenmontag ist in Hannover niemand verkleidet oder deutlich betrunken. Alle ziehen einfach die gleiche Montagsfresse wie immer. Ich mag diese Stadt.

Peter Lustig stirbt.

März

Kein guter Monat für Jan Böhmermann.

Schon wieder ein Anschlag. Dieses Mal in Brüssel. Aber was soll das? Jeden Tag finden irgendwo Anschläge statt und nur die in der westlichen Welt finden ihren Weg in die Medien und auf die Profilbild-Veränderer bei Facebook. Jeder Mensch, der bei diesem Schwachsinn stirbt, ist einer zu viel.

Meine Freundin Laura und ich geben der Zeitschrift „Barbara“ ein Interview. Auf den Fotos sehe ich das erste Mal im Leben aus wie ein Bondgirl.

Der Mann und ich fahren nach Berlin und lassen meinen Arm anmalen. Zwei Tage lang starre ich auf das Bild unter der Folie und kann mir nicht vorstellen, dass das jetzt für immer dort ist. Der Mann zieht nach. Anderes Motiv, andere Stelle, gleiche Tätowiererin. Meine Mutter sagt erst gar nichts dazu und dann nur: „Es ist riesig.“ Mein Vater freut sich, dass ich das endlich gemacht habe.

Guido Westerwelle stirbt.

April

Ganz Hannover darf nicht mehr winken. Denn er ist da. Der mächtigste Mann der Welt. Die Version, die wir noch ernst nehmen können. Zwei große Sorgen machen sich die Hannoveraner laut den Facebook-Kommentaren der Tageszeitung:
1. Sie dürfen am Sonntag den Müll nicht auf die Straße stellen.
2. Dürfen sie sich aber noch im Park öffentlich betrinken?

Der Mann und ich gehen einkaufen. Über unseren Köpfen kreisen durchgehend zwei Hubschrauber. Ich komme mir beobachtet vor. Obwohl die NSA wahrscheinlich eh schon alles über mich weiß.

Die Wohnung wird zunehmend zu klein. Der Mann und ich müssen uns ein Arbeitszimmer teilen. Während ich so tue, als würde ich arbeiten, schickt er mir folgende Nachricht: „Neben meinem Arbeitsplatz sitzt eine, die ständig irgendwelche Handy-Videos laut abspielt. Das Handy ist nicht auf lautlos und sie bekommt die ganze Zeit Nachrichten.“ Meine Deckung ist also aufgeflogen.

19. April 2016: Tobi Kunze ist als Erster und vor der verabredeten Uhrzeit im Theater der Lesebühne.

In der letzten Aprilwoche fährt der Mann auf Klassenfahrt und lässt mich mit meinen Handyvideos allein. Er verabschiedet sich mit: „Iss vernünftig!“ Klar, ich lege auch keinen großen Wert auf so romantischen Quatsch wie „Ich liebe dich“ oder „Pass auf dich auf“.

Prince stirbt.

Mai



Juni

Boateng wird zum Sinnbild eines guten Nachbarn.
Einen von den Geflüchteten, der noch keine Tore für Deutschland geschossen hat, wollen die meisten dann aber doch nicht direkt nebenan haben.
Es brennt in Kaltland.

Als ich aufwache, schaut der Mann neben mir erschrocken auf sein Handy. „Was ist denn?“, frage ich. „Die haben für den Brexit gestimmt“, sagt er. Fassungslosigkeit.

In diesem Monat bin ich das erste Mal im Jahr zwei Wochen am Stück zuhause. Der Mann und ich nutzen die Zeit und machen ein Baby. Wissen wir da aber noch nicht.

Muhammad Ali stirbt.

Juli

Urlaub. Schottland. So viel Land und so wenig Menschen. Ein Traum. Es regnet quasi zwei Wochen durch. Nur am Anfang und am Ende des Urlaubs scheint die Sonne. Aber das ist uns egal. Wir haben es uns ja so ausgesucht.
In einem Studierendenwohnheimzimmer mache ich einen Schwangerschaftstest. Positiv. Bis Mitte August werde ich niemandem davon erzählen. Es ist das schwerste Geheimnis, das ich jemals behalten musste.
Wenn ich dem Baby erzähle, wo es schon alles war, allein durch die Tatsache, dass es sich meinen Bauch zum Wachsen ausgesucht hat, dann wird es sicher schon vom Erzählen reisekrank.

An dem Tag, an dem der Freund meiner Schwester offiziell zum Doktor der Mathematik wird, verschlucke ich aus Versehen eine Menge Glitzerkonfetti, weil ich es für ein Kunstprojekt in den Mund nehmen muss. Jeder so wie er kann.

Und während ich das Urlaubsleben genieße, werden in den USA weiterhin Schwarze von weißen Polizisten erschossen. Ein Land steuert auf den vollkommenen Kontrollverlust zu und alle gucken zu. Ach, was sage ich? Es ist ja schon mitten drin. Schon seit immer. Black Lives matter.

Miriam Pielhau stirbt.

August

Der Mann und ich unterschreiben den Mietvertrag für die Traumwohnung.

Sonst passiert nichts. Auch mal schön.

Gene Wilder stirbt.

September

Plötzlich New York. Dieser Schnellkochtopf an Geräuschkulissen. Eine Woche voller Eindrücke, die für Jahre reichen sollten. Es sind 38 Grad und in den U-Bahn-Schächten herrscht so etwas wie eine natürliche Sauna. Ich bestaune die Gebäude und meine Mutter bestaunt die Menschen. Es ist wie Luftanhalten bis wir wieder in Hannover landen und ich zuhause in einer Badewanne liege und niemand spricht und kein elektronisches Gerät an ist.

Ich finde einen Ohrringverschluss wieder, den ich zu Ostern glaubte, verloren zu haben. Nicht nur das. Ich dachte nachts, er sei mir gerade in den Gehörgang gefallen. Der Mann hielt das für ausgemachten Unsinn und technisch nicht möglich. Der Arzt in der Not-Ambulanz sagte: „Außer Schmalz ist da nichts drin.“ Und so lebte ich einfach weiter, sechs Monate, in dem Glauben, in meinem Gehörgang sei alles in Ordnung.
Und dann mache ich diese kleine Gehörgangsspülung nach den Flügen, weil alles so verstopft scheint. Und was passiert? Der Verschluss findet seinen Weg zurück aus meinem Ohr und landet im Waschbecken. Er hatte es sich in meinem Gehörgang gemütlich gemacht und nicht entzündet. Aber er war da! So wie ich es geahnt habe. Und die Moral von der Geschicht’: Hört nicht auf Experten.

Curtis Hanson stirbt.

Oktober

Plötzlich ist eine Kugel zu sehen. Vorne an mir dran. Jetzt sind es insgesamt drei Kugeln, die immer größer werden. Ich fühle mich schon super schwanger und dick. Aber ich weiß ja auch noch nicht, was da noch kommt.

Wir packen Kisten über Kisten. Das Umzugsunternehmen liefert 60 davon und ich denke: „What the fuck? So viel hat niemand.“ Am Ende des Monats sind 60 von ihnen voll. Ansonsten darf ich nicht viel machen, weil ich nichts heben soll. Deshalb esse ich lieber Haribo und sitze auf dem Sofa herum. Der Mann packt die Elektronik ein. Es läuft kein Fernseher und ich erzähle irgendwas. Er sagt: "Sowas könnten wir öfter machen, das ist besser als Fernsehen." "Abbauen?" frage ich. "Uns unterhalten", sagt er.

Manfred Krug stirbt.

November

„Du liest zu viel!“ sagt der Möbelpacker als er die soundsovielte Kiste mit Büchern in die neue Wohnung trägt. „Das habe ich deinem Mann auch schon gesagt – die wird sonst zu schlau.“ „Und was hat der geantwortet?“ frage ich. „Zu spät!“ sagt der Möbelpacker und lacht.

Ankommen.
Und dann gleich wieder wegfahren. Im November bin ich so viel unterwegs wie seit langem nicht mehr. Während der Mann inzwischen jede Ecke der neuen Wohnung kennt, fühle ich mich immer noch wie ein Gast.

Am 9. November wache ich in Leipzig auf. Es ist sehr früh und ich muss Pipi. Ich denke, ich könnte mal kurz gucken, was Hillary zu ihrem Sieg gesagt hat. Und dann liege ich sehr lange wach im Bett und starre auf die Nachrichten, die mein Handy anzeigt. Irgendjemandem da oben sind in diesem Jahr massiv die Fäden entglitten.

Leonard Cohen stirbt.

Dezember

Diese bekloppte Hoffnung, dass der Typ im LKW doch nur betrunken war oder eingeschlafen ist. Nur damit der Scheiß nicht wieder instrumentalisiert werden kann. Twitter ausschalten, Facebook ausschalten und alles so machen wie früher. Einfach in zwei Tagen die Zeitung lesen und nur das glauben, was tatsächlich bestätigt wurde. Nicht wissen, wohin mit dem Mitgefühl.

Was kann ich tun? Kann ich irgendwas tun? Bringt es irgendwas für Aleppo durch die Stadt zu laufen und zu demonstrieren? Interessiert das wirklich irgendjemanden? Bin ich inzwischen zu abgestumpft? Hab ich noch Geld, das ich spenden könnte? An wen denn?

In der Postfiliale geraten zwei erwachsene Männer so sehr aneinander, dass der eine dem anderen verspricht, ihm den Kopf wegzublasen. Ein Dritter mit beruhigender Samson-Stimme geht dazwischen.

Weihnachten ist schon lange nur noch ein Punkt auf der Zeitkarte.

Aus Gründen, die niemand nachvollziehen kann, sind sämtliche Kindermöbel weiß. Ich mag kein weiß. Im Januar sollte ich dann trotzdem endlich mal ein Bettchen in dieses Zimmer stellen.

Zsa Zsa Gabor stirbt.

Was kommt: Ein Jahr voller Ungewissheiten und mit einem neuen Menschen an Bord. Mehr braucht es erst einmal nicht. Der Rest kommt doch eh anders als man denkt.

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Was sonst noch in meinem Leben passierte (ein Auszug):

2016-12-14

ICH LACHE, ICH BIN SCHWANGER, ICH HABE BLASENSCHWÄCHE.

Es gibt ja Dinge bei einer Schwangerschaft, über die redet niemand. Diese Sache mit der Pinkelei, zum Beispiel. Ich muss quasi durchgängig auf die Toilette. Ich könnte dort auch einfach einziehen, oder mir zumindest einen kleinen Tisch vor die Schüssel stellen, um Artikel direkt vor Ort fertigstellen zu können. Ich trinke ja auch viel mehr. Vorher hab ich immer viel zu wenig getrunken. Ich war eine von denen, die sich zwingen mussten, eineinhalb Liter Flüssigkeit täglich zu sich zu nehmen. Ich hatte einfach nie Durst. Manchmal habe ich mich nachmittags gefragt, woher diese Kopfschmerzen kommen und dann fiel mir ein, dass ich das letzte Mal morgens einen Kaffee getrunken hatte (was ja nicht so richtig zählt). Jetzt also muss das mehr sein und da achte ich drauf. Mein Körper ist völlig überfordert. So viel Flüssigkeit! Wohin damit? Am besten schnell wieder rausleiten.

Wenn ich das Haus verlasse, gehe ich nochmal auf Toilette, egal, ob ich gerade muss oder nicht. Nach zehn Minuten außer Haus denkt mein Körper: Oh! Jetzt kann sie gerade gar nicht auf's Klo, jetzt senden wir Signale, dass sie dort aber ganz dringend hin muss. Es ist furchtbar. Und wenn ich dann auf dem Klo hocke und mich entleert habe, dann denke ich: Fertig. Ich mache Dinge, die alle so machen, abwischen, anziehen, Hände waschen, trallala und dann! Pustekuchen! Irgendwo zwischen Abwischen und Hände waschen kommen dann doch nochmal ein paar Tröpfchen hinterher. In meinem Kopf quatscht die dusselige Kuh aus der Werbung: "Ich lache, ich niese, ich habe Blasenschwäche." (Ich verstand da anfangs übrigens immer: "Ich lache, ich lese, ich habe Blasenschwäche." Und fragte mich, wieso jemand beim Lesen Urin verliert.) Und ich gehe verzweifelt ein zweites Mal auf die Toilette, um danach ein neues Höschen anzuziehen. Ja, das ist alles schlimm. Aber es ist eben auch nur Pipi und ich hätte mir diesen Text gewünscht, bevor ich in der Yogaschule aus Versehen ein kleines Pfützchen auf den Boden gemacht habe und mich in Grund und Boden schämte. Meine Beckenbodenmuskeln sind super. Allein aus egoistischen Orgasmus-Gründen habe ich diese schon vorher regelmäßig trainiert. Die Hebamme sagt: "Das ist normal. Manchmal denkst du auch, du musst und dann kommt nix. Die Gebärmutter drückt auf die Blase. That's just it." Und ich denke: Macht trotzdem keinen Spaß.

Nicht nur, dass ich den ganzen Tag damit beschäftigt bin, meine Klogänge zu organisieren. Innerhalb von einer Woche erzählen mir verschiedene Personen, wie mein kugeliger Bauch gerade auf sie wirkt. Von "ach, man sieht ja noch fast nix" bis "wow, dafür bist du aber schon ziemlich rund" (von einem sicherlich schwangerschaftserfahrenen Mann! Ironie off.) ist alles dabei. Meine Frauenärztin sagt: "Ihr Bauch ist perfekt, so wie er ist." Sie ist super. Sie sagt auch Dinge, wie: "Ich weiß, was die Leute denken, wenn sie Sie sehen. Muss das sein? So klein und dann auch noch vermehren?" Ich liebe sie dafür. Sie erzählt mir übergriffigen Müll, den ihre Tochter sich anhören muss, weil sie ebenfalls eine Eigenschaft hat, die nicht alle haben. Und ist bei den Ultraschallbildern immer fast ein bisschen emotionaler als ich selbst.

In der Zwischenzeit hat der Mann ganz andere Sorgen. Er hat zwei Hobbies. Abends immer eine Folge "Bares für Rares" in der Mediathek schauen. Und Otter. Der Mann kennt jedes Ottervideo in diesem verdammten Internet. Könnte man Otter zuhause halten, hätten wir wahrscheinlich zehn Stück. Vor einigen Tagen gestand er mir, dass er sich Sorgen mache, das Kind könnte Otter nicht mögen. Da wurde mir klar, dass meine ganzen Sorgen (Wie mache ich das mit der Selbstständigkeit? Werden wir genug Geld haben? Wird das Kind 1 gechillte Person?) völlig nebensächlich sind. Das sind die eigentlichen Dinge, um die man sich Gedanken machen sollte! Wir waren uns aber schnell einig, dass das Kind Otter schon mögen wird. Wie kann man Otter nicht mögen?

Ein Tipp, für alle, die sich auch mal richtig schlimm fühlen wollen: Kauft euch mit Schwangerschaftsbauch einen Burger und Pommes bei einer der bösen großen amerikanischen Ketten und lauft dann mit der Tüte herum. Stattdessen könntet ihr euch auch eine brennende Zigarette zwischen die Finger klemmen. Macht fast keinen Unterschied. Und tatsächlich! Ich habe den Burger und die Pommes auch gegessen. Einfach, weil ich Bock drauf hatte. Vermutlich habe ich den Geschmackssinn des Kindes jetzt für immer zerstört. Kann mir aber egal sein. Ich bin nämlich nicht die, die später für die Erbse kochen wird. Das macht der Mann, der kann das nämlich viel besser. Was für ein Glück! Sonst müsste ich nämlich einen dieser wertvollen Tipps aus diesen wirklich lesenswerten Mütterforen (Nein! Tut das nie! Niemals!) verwirklich: "Am besten kochst du für deinen Göga vor, kurz vorm Geburtstermin, und frierst die Sachen ein, damit er auch was essen kann, wenn du in der Klinik bist." Oh, na klar. Vielleicht lege ich ihm auch noch eine Anleitung für die Mikrowelle daneben. Sonst muss er den Scheiß auch noch kalt lutschen. Es ist alles sehr, sehr schwer.

2016-11-24

AHOI, LADIES NIGHT ZUSCHAUER*INNEN!

Copyright: Steffen Baranski - szenestreifen.de
Ahoi und guten Tach! Ich freue mich, dass du während oder nach der Ausstrahlung von Ladies Night dein Handy in die Hand genommen hast und mich offensichtlich gegoogelt hast. Willkommen auf meinem Blog!

Wer bin ich überhaupt? Ich bin Ninia, ein bisschen über 30, ein bisschen unter 1,40 Meter und Moderatorin und Poetry Slammerin aus Hannover. Poetry Slams sind moderne Dichter*innenwettstreits, bei denen meist fünf bis zehn Poet*innen zusammenkommen, ihre selbstgeschriebenen Texte vorlesen und das Publikum bestimmt am Ende, was ihnen am besten gefallen hat. Vielleicht hast du dich drüber gewundert, dass ich bei Ladies Night abgelesen habe. Das machen wir so. Zumindest die, die keine Lust auf Auswendiglernen haben. Mehr über mich gibt's hier zu lesen.

Wenn dir der Text aus der Sendung gefallen hat, gefällt dir vielleicht auch mein Buch "... Und ganz, ganz viele Doofe!", in dem noch viel mehr Texte von mir enthalten sind. Das kannst du beim Blaulicht-Verlag versandkostenfrei bestellen.

Den Text aus der Sendung findest du als Video u.a. hier - im tollen Kanal des Slammer Filet Bremen.
Teil II des Textes gibt es hier zu lesen.

Ich freue mich immer über Likes und Kommentare auf meiner Facebook-Seite.
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Und wenn du mich mal live auf einer Bühne sehen willst, findest du hier alle Termine!
Und ansonsten klick dich einfach durch das Blog!

2016-11-14

SÜDSTADT. ODER: EIN UMZUG.

Der Mann und ich wohnten seit fünf Jahren und zwei Monaten in der Südstadt. Es war die erste Wohnung des Mannes in Hannover und meine zweite. Wobei ich mich an meine erste Wohnung nicht erinnern kann, denn da war ich ein neugeborenes Baby und gab nicht viel auf Quadratmeterzahlen und Einrichtung. Schon bald nach meiner Ankunft in der ersten Wohnung, dachten meine Eltern plötzlich, es sei besser, wieder in ihre Heimat zurückzuziehen und dann wohnten wir bald in der Stadt, deren Namen nicht genannt werden darf.

Jetzt sind der Mann und ich in unsere zweite beziehungsweise dritte Wohnung in Hannover eingezogen. Es ist nicht so, dass ich die Südstadt nicht mag. Allerdings sehe ich jedes Mal in enttäuschte Gesichter, wenn ich gefragt werde, wo in Hannover ich wohne und meine Antwort nicht „Linden“ oder vielleicht noch „Nordstadt“ lautet. Menschen sortieren gerne. Und mich sortieren sie in die „Linden“-Schublade. Weil ich Vorurteile gerne bestätige, bin ich jetzt nach Linden gezogen.
Die Südstadt ist ein ruhiges Viertel. Langezogen von der Marienstraße bis zur Bult, wabert dort ein Stadtteil so vor sich hin. Seit zwanzig Jahren warten die Leute darauf, dass die Südstadt doch auch mal so ein hippes Viertel wird, wie sie es sich erhofft hatten, aber die wenigen hippen Lädchen, die dafür sorgen könnten, müssen nach einem halben Jahr wieder schließen. Stattdessen haben wir eine Apotheke, die „Bunte Tüte“ heißt, was wirklich irreführend sein kann und einen der größten Edeka-Märkte Deutschlands, dessen Entstehung im Magazin Stern begleitet wurde, weil es nicht nur ein großer, sondern auch ein wirklich moderner Edeka-Markt ist. Mit Solarplatten auf dem Dach. Das ist ungefähr das Spektakulärste, was in den letzten zehn Jahren in der Südstadt passiert ist.

Wir wohnten in einer dieser kleinen Seitenstraßen, die nach Feministinnen aus Politik und Philosophie benannt sind und die kein Schwein kennt. Diese Straßen haben mich gerufen und ich bin gekommen. Es sind nur drei Gehminuten zum Bahnhof Bismarckstraße und wenn man auf dem Balkon sitzt, dann fühlt man sich als sei man in einer sehr kleinen Kleinstadt. In der Südstadt wohnen viele alte Menschen und ein paar Familien, die sich nicht nach Linden trauen.

Einmal haben wir im Keller eine kleine Party mit allen Leuten aus dem Haus veranstaltet. Es gab Eierlikör im Kaffee und später Grillwurst. Herr M. hat erzählt, wie es in der Südstadt direkt nach dem Krieg war. Wie er zwischen all dem Geröll Fußball gespielt hat und immer, wenn es aus der Gilde-Brauerei klingelte, mussten sie kurz die Schienen räumen, damit das Bier ausgeliefert werden konnte. Zehn Jahre später hat er eine der Wohnungen für sich und seine Verlobte gemietet. Sie kostete fünfzig Mark. Jetzt kostet sie mehr, aber die beiden wohnen immer noch dort.

Seitdem ich in unserem Haus wohnte, wurden mehrmals Fahrräder geklaut – immer nachts und immer alle aus der Straße. Außer meinem. Das stand dann einsam und allein herum. Wahrscheinlich war es in der Größe für niemanden zu gebrauchen. Einmal wurde eingebrochen. In die Wohnung oben links. Dort brechen sie am liebsten ein, sagt mein Vater. Dann hätten sie das Treppenhaus im Blick und könnten aber selbst nicht beobachtet werden. Der Mann hat die Typen gehört. Er saß gerade auf dem Klo, als sie sehr schnell wieder runterrannten. „Kommen die nochmal wieder?“, fragte ich ängstlich meinen Vater. „Die wahrscheinlich nicht, aber vielleicht andere.“ Das beruhigte mich nur bedingt.
Zuletzt versuchten Trickbetrüger unsere ältere Nachbarin unten rechts zu verarschen. Sie hat sie aber nicht reingelassen, die kluge Frau. Es wurde Zeit, dass wir aus der kriminellen Südstadt verschwinden.

Das „Spiegel“ ist schon vor langer Zeit verschwunden. Selbst die Tapas-Bar, die danach in das Gebäude eingezogen ist, musste schon wieder schließen schon mehrmals umgebaut werden. Ein paar Meter die Straße hoch, wird gerade das alte Pindopp renoviert. Wenn es fertig ist, heißt es nicht mehr Pindopp, sondern „Extrablatt“ und dann ist eh Hopfen und Malz für die Südstadt verloren.
In den Bahnhof Bismarckstraße ist vor einem halben Jahr ein Paulaner Brauhaus eingezogen. Entgegen meiner Hoffnungen ist es dort regelmäßig sehr, sehr voll. Manchmal stolpern abends Messebesucher, hilflos in Möchte-Gern-Lederhosen gekleidet, aus der Tür des Restaurants. Sie wanken die S-Bahn-Treffen hinauf und pinkeln dort in die Ecken. Als ich das das erste Mal sah, war der Zeitpunkt gekommen, sich nach einer neuen Wohnung umzusehen. Lederhosen sind nun wirklich zu viel des Guten.

Das Baby kündigte sich an und der Mann begann, nach Wohnungen zu suchen. Wir wären auch in der Südstadt geblieben, so ist es nicht, aber so richtig schöne Wohnungen gab es nicht. Und wer möchte schon direkt an der Sallstraße über einem Restaurant wohnen? Meine Mutter rief an und berichtete erfreut, dass sie jemanden kenne, der eine Wohnung in Herrenhausen freimachen würde. Ich legte kommentarlos wieder auf. Als ich mich beruhigt hatte, erklärte ich ihr per Whatsapp, dass in Herrenhausen nur Langweiler und Zahnärzte wohnten, was ja eigentlich ein- und dasselbe ist und dann hat sie es auch eingesehen.
Der Mann hatte inzwischen einen Automatismus im Daumen. Alle zehn Sekunden aktualisierte der Finger von selbst die Immobilienscout-Seite. Und dann stand da plötzlich diese Wohnung in Linden-Mitte – bezahlbar, groß, Altbau, den besten Käsekuchen der Stadt direkt gegenüber. Wir durften noch am selben Abend vorbeikommen und ich spielte die Babykarte wie ein Profi, obwohl man wirklich noch gar nichts sah. Fünf Minuten nach uns klingelten dreißig weitere Paare, die alle leider sehr nett zu sein schienen, größere gewölbte Bäuche vor sich hertrugen und manchmal sogar ein fertiges Kind dabeihatten. Was für ein Mist.

Am nächsten Tag unterbrach der Mann seinen Unterricht in der Oberstufe, was nur gegen Versprechungen von Schnaps beim Abiball möglich war und rief die Vermietung an. Ist vielleicht besser, wenn der Beamte sich dort meldet und nicht die freischaffende Künstlerin, dachten wir. Die Frau am anderen Ende bat ihn um eine Minute, um wenigstens noch ihren Computer hochzufahren und den Mantel abzulegen und dann durften wir die Selbstauskunft ausfüllen. Und aus irgendeinem Wunder durften wir jetzt in die Wohnung einziehen. In so einer Wohnung wollte ich schon immer wohnen und jedes Mal, wenn ich drinstehe, stelle ich mir vor, wie das Kind durch den Flur rennt und unter seinen kleinen Patschefüßen das Parkett vor sich hin knarrt.

In Zukunft muss ich also nicht mehr nachts mit dem Taxi von der Lesebühne heimfahren, was mir leider ein paar weniger Taxigeschichten einbringen wird. Dafür darf ich dann irgendwann vielleicht bei der nächsten Linden-Anthologie von Kersten und Henning mitmachen und allein dafür hat sich so ein Umzug ja schon gelohnt.